Geschichten aus zwei Welten - Arthur Holitscher - Страница 1 из 159


    S. Fischer, Verlag
Berlin 1914     Eine Begegnung
mit Herrn »Howard Curle« Wir sind früh in den
Palazzo Pitti gekommen, in den Sälen ist kaum noch ein Mensch.
Gleich schiebe ich mir einen Sessel vor Giorgiones Konzert, mein
Reisegefährte schlendert durch die Säle. –
Ich bin noch garnicht recht ins Schauen hineingeraten, da kommt er
schon, ganz rasch, auf Fußspitzen, durch alle Türen zu mir
zurück. Er ist weiß wie Linnen, über dem linken Auge
hat er einen roten Fleck auf der Stirn – so bleibt er vor mir
stehen, etwas hat ihm die Rede verschlagen! Es wird Jahr um Jahr
unerquicklicher mit ihm zu reisen. Jetzt geht er zu seinem
Kölnischen Wasser heim und es vergeht ein Tag, es vergehen zwei,
eh ich ihn wieder zu Gesicht bekomme. »Drüben vor dem
Kardinal von van Dyck steht ein Mensch . . . geh und
sieh: Ob du es glaubst oder nicht: es ist Oskar Wilde!« Ich
sehe ihn an. Der rote Fleck hat sich ausgebreitet, hat die
Schläfe gewonnen. »Oskar Wilde,« bemerke ich
ruhevoll, »geboren 1850 zu Dublin, liegt seit dem Herbst 1900 in
Bagneux begraben, einem kleinen Vorort von Paris . . .
übrigens, da du hier bist gerade, willst du, bitte, den
Jüngling mit dem Federhut hier im Bilde in Augenschein nehmen?
Dieses leere Gespenst! Erinnere dich an die Jünglinge von
Giorgione, den Berliner, 12 den Braunschweiger, den aus Hampton Court:


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