Der selige Papier-Müller - Carl Gottlieb Samuel Heun - Страница 1 из 8


Abend, wie heute. Die Schneeflocken fielen dicht und groß, und
wir saßen um den warmen Ofen und plauderten. Im Kreise guter und
gebildeter Menschen spricht man über die beste Art
Knackwürste zu machen, mit eben der Theilnahme, als über
Göthe's Wahlverwandschaften. Ist doch eine gute Knackwurst auch
eine Wahlverwandschaft. Unser Gespräch hatte uns vom Hundertsten
auf das Tausendste geführt. Der gestern früh erfolgte Tod
des Nachbar Papier-Müllers brachte uns auf mancherlei
Bemerkungen. Der alte Forstrath nannte ihn einen Lumpenkerl, nicht
etwa im Bezug auf sein Gewerbe, sondern lediglich auf sein Herz.
»Solch ein Mensch,« meinte der Alte: »kann im Grabe
keine Ruhe haben. Er hat die Leute gedrückt und ist ein harter
Mann gewesen sein Leben lang.« »Sey ruhig,
Kind,« sagte die Forsträthin »er ist todt: und von
den Todten soll man nichts, als Gutes sprechen. Das große
Leichentuch, das man den Entschlummerten über den Sarg
hängt, – das, mein lieber Mann, ist der wahre Mantel der
christlichen Liebe. Das bedeckt den Heimgegangenen mit allen seinen
Schwächen, Fehlern und Sünden. Richtet nicht, so werdet ihr
auch nicht gerichtet.« »Ich richte auch nicht,
Mütterchen,« entgegnete der Alte, und reichte der sanften,
frommen Frau die Hand: »ich denke mir nur, wenn auf meinem
Herzen so viel Thränen lägen, als der Lumpenhund
ausgepreßt hat, daß ich zum ewigen Schlafe nicht
einschlummern könnte. Der Mensch ist auch gräßlich


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