Die Großmutter - Carl Gottlieb Samuel Heun - Страница 1 из 113


Die längst befürchtete Nachricht vom
tödtlichen Hintritte meiner guten Großmutter war
eingetroffen. Die Ortsobrigkeit hatte mich, als den alleinigen Erben,
aufgefordert, mich zum Antritt der Erbschaft persönlich
einzufinden; durch Commissiongeschäfte in den fernsten Gegenden
des Reichs behindert, hatte ich indessen mehrere Monate verstreichen
lassen müssen, ehe ich jener Aufforderung hatte gnügen
können. Jetzt war es mir endlich gelungen, mich von meinen
Dienstverhältnissen los zu machen; seit mehreren Tagen schon
hatte ich die Residenz verlassen, war Tag und Nacht gefahren, und
saß jetzt still und in mich gekehrt im Wirthshause zu
Binsenwerder an der Gasttafel und wartete auf die neuen Postpferde.
Mir gegenüber ließ es sich ein dürres,
gelbhäutiges Männchen vortrefflich schmecken, und unterhielt
sich mit den übrigen Gästen und dem Wirthe von den
jüngsten Hauptvorfällen seines heute früh verlassenen
Wohnortes. Der Zigeunerfarbene kam, wie sich aus dem Verfolg der
Unterhaltung ergab, aus Klarenburg, wo meine selige Großmutter
sich in der letzten Hälfte ihres Lebens aufgehalten hatte, und im
Flusse seiner Geschwätzigkeit lenkte sich bald das Gespräch
auf sie selbst. Mehrere der Anwesenden hatten sie gekannt, und es that
meinem Herzen wohl, in ihrem Urtheil über die Verstorbene ihr
einstimmiges Lob zu hören; nur der Gelbe, der, nach seinen
Aeußerungen, die Stelle eines Rathscopisten bekleidete, war, so


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