Der Landstreicher - Carl Hauptmann - Страница 1 из 10


Ausdruck der Menschen kann man in allerhand andrer Gestalt
wiederfinden. In Wetterwolken, die jetzt die – und dann andere
seltsame Stirnen und Münder zeigen, und in mächtige Rachen
sich auftun oder in fliehende Scharen sich lösen – oder
flach und gedehnt wie träge stehende Fische am Himmel lasten, die
dann, ein jedes lange, mächtige Tier, Augen gewinnt und zum
unheimlichen Luft- und Nebelhaupt in der Höhe sich ausdehnt, mit
wulstigen Lippen, darüber die Backenknochen aufwachsen und die
Augen sich weiten, drein man in Licht sieht wie in Gründe –
das Ganze einem furchtbaren Moloch ähnlich. Das alles sind
nur fliehende, schwankende Dinge. Das alles sind nur Träume, die
am Himmel hinjagen und im eigenen Schauen hinjagen, ein Leben von
wenig Atemhauchen führen und dann auch schon verwehen und
zerrinnen. Oder man findet Menschenzüge in Felsköpfen
hoch oben, wenn drunten im Tale schon Schatten gehen und die
Steinhäupter allein im Lichte ragen. Die Steinhäupter
starren in Jahrtausenden unverwelklich. Sie sind in Jahrtausenden, was
Wolken in Augenblicken. Aber sie zerrinnen und verwehen wie sie. Was
ist die Zeit? Die Mienen der Götter sind ihnen für lange
eingegraben. Ewiger und dauernder wie Menschenzüge. Aber auch die
Steinmienen sind Launenzüge. Sie verstreichen und verwehen.
Wolkenbilder, die ein Jahrtausend stumm und starr blieben. Was ist ein
Jahrtausend? Wie viele, die verweht sind, daß so mächtige


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