Judas - Carl Hauptmann - Страница 1 из 21


gefallen, der in dem herbstlichen Zuge der Lüfte sonderbar
verhallte über See und Stadt. Und dann ging das Leben dem Abend
zu. Ungestört und in Nebeln spinnend sank es aus der Höhe
und umwob die Stadt. Und es stieg aus dem See, bis die Nacht kühl
und mit Reif hereingebrochen. Erst am andern Tage fand man ihn.
Ein Student, der oben einsam auf dem Berge spazierte, fand ihn
– dort, wo schlanke Lärchen wie Schatten und Schemen gegen
Luft und Tal sich in zartem Linienwerk erhoben im Dunstgespinst, und
wo man mit seinen Gedanken ganz einsam in Wiesen und Heiden schritt
– fand ihn im Grase liegen, die Schläfe zerschossen, die
Hand gekrampft und von fallenden Blättern bestreut, die über
ihn blinkten und ihn nicht weckten. Er hatte ihn auch sogleich
erkannt. Denn die Studenten kannten ihn alle. Er hatte ihn erkannt
an den Augen, von denen eins noch halb geöffnet, wie lauernd
blinzelte, und an dem seltsam ärmlichen, verschabten und doch
würdig scheinenden Rocke, dem man die Stellen ansah an
Rücken und Ärmeln, mit denen er seit einigen Jahren die
Bänke der Hörsäle drückte. Dann vor allem erkannte
er ihn gleich, weil er nur einen Arm hatte und den Ärmel des
anderen mit dem Handende in der Tasche trug. Niemand kannte ihn recht,
niemand wußte groß von ihm mehr als seinen Namen.
Jedermann floh ihn, grundlos fast und doch aus einem tieferen Grunde
des Blutes und Lebens, wie er uns nicht klar als Wort und


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