Schicksale - Carl Hauptmann - Страница 1 из 194


leuchtete schneeweiß. Und die Holzbalken im weißen Grunde
waren hellgrün gestrichen, so daß sie sich noch heiter
abhoben, wenn die alten Linden über dem Hausgiebel im Sommerlicht
rauschten. So war es auch in der Zeit, als die alte Mutter Luba im
Bauernhause im Sterben lag. Die alte Mutter Luba war zwar jetzt
eine völlig verarmte Dorffrau. Denn ihr Sohn und dessen ganze
Familie, an sich auch nur kümmerliche Leute, waren vor Jahren bei
einer Typhusepidemie alle unerwartet hingestorben. Bis auf einen
Enkel, der damals eben erst geboren war. Aber die Mutter Luba war
allezeit ein drolliger, sanfter Engel gewesen. Und die Bäuerin
hatte es bei ihrem Manne durchgesetzt, daß die alte Marcella,
wie man im Dorfe die Mutter Luba auch nannte, mit diesem Enkel in dem
hellerlichten Bauernhause doch ihren Wohnwinkel gefunden. Und wie
die alte Luba im Sterben lag, war es in ihrem winzigen Stübel
trotz der Armut sehr feierlich. Nicht bloß, weil bei ihr immer
alles blitzeblank gescheuert war. Die kleine, schmale Holzbank vor
dem Ofenrohr sah wirklich aus wie aus frischem Holze. Und der rohe,
schmale Tisch, der für Großmutter und Enkel gerade genug
Raum bot, lag nicht wie in der großen Bauernstube voll
Brotkrümel und Kartoffelschalen. Die Sonne überspielte
einen mit roten Rosen bemalten Teller und vergoldete die gewaschene
Tischplatte. Aber vor allem hing von der geweißten Decke ein
ganz besonderes Ding herab. Mit bunten Wachslichtchen und bunten


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