Anna - Christian Friedrich Hebbel - Страница 1 из 10


»Himmel blau und mild die Luft,
Blumen voll von Tau und Duft,
Und am Abend Tanz und Spiel,
Das ist mehr, als allzuviel!« Lustig
sang dies an einem hellen Sonntagmorgen Anna, die junge Magd,
während sie zugleich aufs fleißigste mit Reinigung der
Küchen- und Milchgeschirre beschäftigt war. Da ging im
gründamastenen Schlafrock der Freiherr von Eichenthal, in dessen
Diensten sie seit einem halben Jahre stand, an ihr vorüber, ein
junger verlebter Mann, voll Hypochondrie und Grillen. »Was soll
das Gejohle« – herrschte er, indem er vor ihr stehen
blieb, ihr zu – »Sie weiß, daß ich keine
Leichtfertigkeiten leiden kann!« Anna erglühte über
und über, sie erinnerte sich, daß der gestrenge Herr sie
vor einigen Abenden in der Gartenlaube gern leichtfertig gefunden
hätte, sie hatte ein scharfes Wort auf der Zunge, griff aber, es
mit Gewalt unterdrückend, nach einer weißporzellanenen
Suppenterrine, und ließ diese, in heftigem Kampf mit der ihr
eigenen Unerschrockenheit begriffen, zu Boden fallen. Das kostbare
Geschirr zerbrach, der Freiherr, der bereits einige Schritte
vorwärts getan hatte, kehrte zornglühenden Gesichts um.
»Was?« – rief er laut aus und trat dicht vor das
Mädchen hin – »will Sie Tückmäuserin an
meiner Mutter Küchengerätschaften Ihr Mütchen
kühlen, weil Ihre Verstocktheit es Ihr nicht erlaubt, einen
wohlverdienten Vorwurf ruhig hinzunehmen wie sich's geziemt?«


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