Der Schneidermeister Nepomuk Schlägel auf der Freudenjagd - Christian Friedrich Hebbel - Страница 1 из 16


auf der Freudenjagd (1847) Wenn dir, lieber Leser, in der
Augustinergasse der Stadt München um die Zeit, wo ein
ordnungsliebender Bürger ins Bierhaus zu gehen pflegt,
nämlich in der Winterabenddämmerung zwischen vier und
fünf Uhr, ein Mann von untersetzter Statur begegnen sollte, an
dem dir ein ungewöhnlich großer Mund mit trefflichem
Gebiß und ein plötzliches Stehenbleiben nebst der damit
verbundenen scharfen Musterung deiner Rückseite auffällt, so
fürchte nur nicht etwa, daß es ein Gauner sei, dem dein
sorgloses Schlendern böse Gedanken einflößte; es ist
kein anderer als der ehrsame Schneidermeister Nepomuk Schlägel,
der in dem Albrecht-Dürer-Hause zu Nürnberg geboren und
erzogen, aber noch nie, sei es auch nur für eine Nacht, auf die
Wache gesetzt, geschweige in ein Gefängnis gebracht wurde, und
bloß um sich zu ärgern, bloß um sich zu sagen: was
sind das Stiefel! welch ein Rock gegen den deinigen, Nepomuk, und ein
silberner Knopf auf dem Stock! schenkt er dir seine Aufmerksamkeit.
Langsam schreitet er die Straße entlang, und sein spürender
Blick weiß an jedem Vorübergehenden einen Vorzug
aufzufinden, der ihm die Galle rege macht; an dem alten Bettler dort,
der sich ermüdet an die Ecke lehnt, wird ihm die blautuchene
Hose, die dem fast Erstarrten zu Mittag ein mitleidiger Student
zuwarf, gewiß nicht entgehen, wohl aber, daß sie einige
Löcher hat; der Stelzfuß selbst, der eben pfeifend


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