Pauls merkwürdigste Nacht - Christian Friedrich Hebbel - Страница 1 из 10


(1837) Die Uhr schlug eben neun. Paul saß hinter dem Ofen an
einem kleinen runden Tische und las eine Räubergeschichte, in
deren Besitz er kürzlich auf einer Auktion gekommen war, weil er
sie auf eine Nachtmütze mit in den Kauf hatte nehmen müssen.
Wenn er eine Seite des Buches beendigt hatte, befühlte er
jedesmal den Ofen und zog die Hand dann kopfschüttelnd
zurück; als guter Hauswirt wollte er vor dem gänzlichen
Erkalten des Ofens nicht zu Bette gehen, und dieser hielt noch immer
einige Wärme fest. Zu seinen Füßen, träge in
einen Knäuel zusammengerollt und laut schnarchend, lag sein Hund,
ein wohlgenährter, weißgefleckter Pudel, der sein Fett
weniger der Freigebigkeit seines Herrn, als seiner diebischen
Gewandtheit in Metzgerbuden verdankte. Wenn Paul im Buche an ein
Kapitel kam, das ihn wenig interessierte, oder wenn er in die
spärlich unterhaltene Lampe, die alle Augenblicke zu
erlöschen drohte, ein paar Tropfen Öl gießen
mußte, so bückte er sich wohl zu dem Hund nieder,
ließ denselben, vielleicht weil er ihn um seinen frühen
Schlaf beneidete, allerlei Künste machen, Schildwache stehen,
oder den unfreiwilligen Toten spielen, brach ihm zuweilen aber auch
ein Stück Brot ab und belohnte ihn damit für seine
Folgsamkeit. Die Uhr schlug halb zehn. Paul stand auf, um sich zu
entkleiden, da klopfte es ans Fenster. »Komm herein,« rief
Paul, in dem Klopfenden einen Straßenbuben vermutend, der ihn


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