Schnock - Christian Friedrich Hebbel - Страница 1 из 75


Gemälde Erstes Kapitel Zur Einleitung In dem
kleinen Marktflecken Y., wo sich jeder Reisende gern so lange
aufhält, als er muß, nämlich so lange als die Post
ausbleibt, traf ich in den Hundstagen des Jahres 1836 zum
letztenmal ein. Der Ort ist einer von denen, wo man nur auf dem
Leichenacker erfährt, daß Menschen darin leben, weil eine
Reihe ehrwürdiger Grabsteine, die man nicht Lügen zu strafen
wagt, versichern, daß Menschen darin sterben. Diesmal kannte ich
ihn nicht wieder, und ich würde geglaubt haben, der Postillon sei
fehlgefahren, wenn sich nicht der mir unvergeßliche Postmeister,
eine lange, dürre, windschiefe Figur, die sich scheu und verlegen
in jede Ecke drückt, als ob sie schon durch ihre bloße
Existenz zu beleidigen fürchte, aus der Tür geschoben, und
so meine Zweifel verscheucht hätte. Alle Straßen
nämlich, durch die ich kam, waren gedrängt voll von Leuten;
kein Fenster, aus dem nicht mehr Köpfe hätten herausschauen
wollen, als Platz fanden; auf dem Kirchturm selbst konnt' ich deutlich
Hauben und flatternde Schals unterscheiden, und jedes Gesicht, von der
alten, halberblindeten Bettelfrau an, die sich mühsam mit der
rechten Hand auf ihren Stab stützte und mit der linken die Brille
aufsetzte, bis zu dem kleinen weiß gekleideten Mädchen mit
seinen blonden Locken herunter, trug den Ausdruck der gespanntesten
Erwartung. »Was gibt's denn,« fragte ich den Postmeister,


-10     пред. Страница 1 из 75 след.     +10