Der Tonkunst Wettstreit mit der Malerei - David Heß - Страница 1 из 34


Indeß ich da seit zwei Stunden im Feuer der Composition vor
meiner Staffelei sitze, meine ganze Aufmerksamkeit dem Bild weihe, das
aus meiner Seele quillt, und wähne, du zeichnest eben so eifrig
fort, muß ich jetzt beim ersten Ausblick gewahr werden,
daß das leichtsinnige Mädchen schon wieder Zeit und Augen
verdirbt um – Noten abzuschreiben! Wie ist es denn möglich,
daß du die fünf ewigen Paralell-Linien, die schwarzen
Kleckse mit Schwänzen und Schnörkeln dran, lieber ansehn
magst, als die weichen sphärischen Formen deiner Niobe, an der du
hättest fortarbeiten sollen! Ich hätt' es halt gar nie
leiden, dir kein Klavier anschaffen und dir die Musik ein für
allemal verbieten sollen; denn über dem Gedudel geht der
Hauptzweck deines Lebens verloren!« Mit diesen harten
Worten fuhr der Maler Lukas Schönfeld seine einzige Tochter an,
die nicht weit von ihm saß, und in der That sehr emsig neben
ihrem Reißbrett Mustknoten kopierte. Des Künstlers
Eifer war eben nicht bös gemeint, denn die schöne und
wunderliebliche Angelika war sein Herzblatt; aber es war so die Art
des gutmüthig launigten Feuerkopfs, sich grell und heftig
auszudrücken. »Lieber Vater«, erwiederte das
Mädchen mit sanfter Stimme und legte die Feder weg, »ich
wußte mir an dem Kontur der Schattenseite allein nicht mehr
fortzuhelfen und wollte Sie doch nicht stören, weil ich
sah, daß Sie so ganz in Ihre Arbeit vertieft waren. Da schrieb


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