Das Gelübde - E.T.A. Hoffmann - Страница 1 из 46


Am Michaelistage, eben als bei den Karmelitern die Abendhora
eingeläutet wurde, fuhr ein mit vier Postpferden bespannter
stattlicher Reisewagen, donnernd und rasselnd durch die Gassen des
kleinen polnischen Grenzstädtchens L., und hielt endlich
still vor der Haustür des alten teutschen Bürgermeisters.
Neugierig steckten die Kinder die Köpfe zum Fenster heraus, aber
die Hausfrau stand auf von ihrem Sitze und rief, indem sie ganz
unmutig ihr Nähzeug auf den Tisch warf, dem Alten, der aus dem
Nebenzimmer schnell eintrat, entgegen: »Schon wieder Fremde, die
unser stilles Haus für eine Gastwirtschaft halten, das kommt aber
von dem Wahrzeichen her. Warum hast du auch die steinerne Taube
über der Tür aufs neue vergolden lassen?« Der Alte
lächelte schlau und bedeutsam ohne etwas zu erwidern; im
Augenblick hatte er den Schlafrock abgeworfen, das Ehrenkleid, das vom
Kirchgange her noch wohlgebürstet über der Stuhllehne hing,
angezogen, und ehe die ganz erstaunte Frau den Mund zur Frage
öffnen konnte, stand er schon, sein Samtmützchen unterm Arm,
so daß sein silberweißes Haupt in der Dämmerung hell
aufschimmerte, vor dem Kutschenschlage, den indessen ein Diener
geöffnet. Eine ältliche Frau im grauen Reisemantel stieg aus
dem Wagen, ihr folgte eine hohe jugendliche Gestalt mit dicht
verhülltem Antlitz die auf des Bürgermeisters Arm
gestützt, in das Haus hinein mehr wankte als schritt, und kaum
ins Zimmer getreten, wie halb entseelt in den Lehnstuhl sank, den die


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