Der Sandmann - E.T.A. Hoffmann - Страница 1 из 54


Nathanael an Lothar Gewiß seid Ihr alle voll Unruhe,
daß ich so lange – lange nicht geschrieben. Mutter
zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und
Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir in Herz und
Sinn eingeprägt, ganz und gar. – Dem ist aber nicht so;
täglich und stündlich gedenke ich Eurer aller und in
süßen Träumen geht meines holden Clärchens
freundliche Gestalt vorüber und lächelt mich mit ihren
hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte, wenn ich zu Euch
hineintrat. – Ach wie vermochte ich denn Euch zu schreiben, in
der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher alle Gedanken
verstörte! – Etwas Entsetzliches ist in mein Leben
getreten! – Dunkle Ahnungen eines gräßlichen mir
drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über
mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. –
Nun soll ich Dir sagen, was mir widerfuhr. Ich muß es, das sehe
ich ein, aber nur es denkend, lacht es wie toll aus mir heraus.
– Ach mein herzlieber Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur
einigermaßen empfinden zu lassen, daß das, was mir vor
einigen Tagen geschah, denn wirklich mein Leben so feindlich
zerstören konnte! Wärst Du nur hier, so könntest Du
selbst schauen; aber jetzt hältst Du mich gewiß für
einen aberwitzigen Geisterseher. – Kurz und gut, das
Entsetzliche, was mir geschah, dessen tödlichen Eindruck zu


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