Die alte Apfelfrau - Edmund Hoefer - Страница 1 из 30


»Ich weiß nicht, was es mit dir ist, Kind,« sagte
die Alte; »du bist mir so ganz anders, und gar nicht gut mehr,
gar nicht das lustige, brave Mädchen, wie sonst. Was ist in dich
gefahren, daß du den Kopf hängen läßt und so
jammervoll darein stehst, wie die Katze beim Regenwetter?« und
sie legte freundlich die Hand auf den dunkeln Kopf des jungen
Mädchens, das vor ihr auf einem Schemel saß, die Hände
auf dem Schooß gefaltet und das Haupt an das Knie der alten Frau
gelehnt. »Nun, Marie, was ist's? Dein Kopf ist heiß, Kind,
und du zitterst.« Marie hob den Kopf nicht auf, sie bewegte
die Hände nicht, sie regte sich nicht, nicht einmal die Augen,
deren lange Wimpern sich so tief gesenkt hatten, daß man nicht
bemerken konnte, ob die Lider darunter nicht so fest geschlossen
waren, daß kein Blick heraus konnte. Aber aus den Lippen kam die
Stimme, und sie war leise und gepreßt, und die Worte waren nur:
»Du weißt es ja, Großmutter!« – Die
wenigen Laute kamen aus einem tief gedrückten Innern, aus einem
trüben kleinen Kopf. Der Mensch dünkt sich so ein Kunstwerk
zu sein, so sich in seiner Gewalt zu haben, wie ein richtiges gutes
Schloß, das man kinderleicht auf- und zuschließt. Und doch
ist nichts so unverschließbar wie ein Menschenherz: die
Mienen künden von ihm, und in den Worten zittern seine
Schläge. »Ja, ich weiß,« sprach die alte
Frau und beugte sich zu der Enkelin und sah ihr in's Gesicht, denn der


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