Die Orgelpfeifen - Elisabeth von Heyking - Страница 1 из 68


Großmamas Geburtstag. Da pflegten sich die drei Enkel, denen sie
seit vielen Jahren Vater und Mutter ersetzt hatte, um sie zu
versammeln. Der älteste kam aus seiner Garnison, wo er als
Leutnant in einem Kavallerieregiment stand, und auch der zweite, der
Marineoffizier war, wußte es meist einzurichten, daß er in
der Zeit Urlaub erhielt. Der jüngste aber bekam für diesen
Tag Ferien aus seinem benachbarten Internat, denn Großmama galt
in der ganzen Gegend, wo sie so lange angesessen war, schon ihres
hohen Alters halber, als etwas ganz Besonderes, da erwies ihr sogar
der knurrige Direktor gern eine besondere Artigkeit. Auf dem
Schloß, wo Großmama seit vielen, vielen Jahren lebte, und
wo die Enkel ihre ganze elternlose Kindheit verbracht hatten, wurde
der Geburtstag alljährlich gefeiert. Die rundungsreiche Mamsell,
die so aussah, als bestände sie aus lauter einzelnen
festgestopften Kissen und Kißchen, mußte dafür Berge
von belegten Brötchen richten und außer der eigentlichen
Geburtstagstorte noch viele Kuchen backen, denn eine Menge Gratulanten
pflegten zu kommen, und allen wurde ein Imbiß vorgesetzt. Die
Postboten stiegen an dem Tage gar oft den steilen Weg zum
Schloß hinauf mit Stößen von Briefen und Telegrammen.
Auch Schachteln brachten sie, denen der Gärtner große
Sträuße von Blumen entnahm; die kamen von Freunden
Großmamas aus Städten, und sie mußten dort wohl etwas
Künstliches angenommen haben, denn sie rochen anders als die


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