Tschun - Elisabeth von Heyking - Страница 1 из 282


Vorfrühling Chinas Tschun war ein schmutziger kleiner
chinesischer Junge. Er war nicht schmutziger als andere kleine
chinesische Jungen. Er war im Gegenteil etwas reiner. Denn Tschuns
Mutter war Christin. Und Christentum bedeutet in China unter anderem
auch gelegentliches Waschen. Das Häuschen seiner Mutter stand
nahe am Petang. Der Petang ist eine große weiße Kirche;
sie ist dicht umdrängt von einer Menge kleiner grauer
Häuschen, in denen lauter Christen wohnen. So sieht sie aus wie
ein stolzer weißer Vogel, unter dessen schneeigem Gefieder
kleine graue Vogelbabies Schutz suchen. Dieser Anblick begeisterte
einmal einen Missionar zu einer schwungvollen Rede, in der er den
Chinesen sagte: »Die Kirche ist gleich einem schönen
weißen Schwan, Ihr alle seid noch häßliche braune
Kücken, aber beharrt nur im rechten Glauben, dann werdet Ihr auch
einmal schwanengleich zum Himmel fliegen.« Zwecks
Heidenbekehrung war diesem Missionar die Gabe beredter Bildersprache
verliehen. Auf Logik kommt es dabei weniger an. – Mit Logik ist
auch noch nie jemand bekehrt worden. Das sind Gefühlssachen.
Manchmal auch Geldsachen. Der Petang war für Tschun und seine
Verwandten und all die Christen rund herum eine Gefühlssache. Er
war in ihrem Leben das Schöne. – Sie hätten
darüber nicht zu reden vermocht, denn es war ja auch nicht der
kleinste Professor der Ästhetik unter ihnen. Aber die ganze Woche


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