Die Briefe des Fräulein Brandt - Felix Hollaender - Страница 1 из 204


  Iserbaude, 7. Juni 1914.
Liebes Herz! Beim Abschied hast Du mir halb und halb das
Wort abgenommen, Dir über alles zu berichten. Halb und halb sage
ich, denn ein ganzes Wort, das ein anständiger Mensch unbedingt
einlösen muß, konnte ich Dir nicht geben. Kann wohl
überhaupt niemand, der noch eine Spur von Schamgefühl in
sich hat. Lache um des Himmels willen nicht, wenn ich schon bei den
ersten Zeilen stolpere und zu philosophieren beginne. Denn wird die
Frage gestellt: alles oder nichts, so sage ich, ohne mich zu besinnen:
nichts. Und zwar, weil man ohne einen Rest, der einem allein
gehört, nicht vor sich und Gott bestehen kann. Mag sein,
daß es Menschen gibt, zu jeder Stunde bereit, sich bis aufs Hemd
zu entkleiden. Und wie sollte ich gerade jetzt, da bei mir und den
Meinen die Dinge bis zu einem, oder sage: ich nicht richtiger, bis zu
dem kritischen Punkte gediehen sind, jene Mitteilsamkeit aufbringen,
wie Du von mir gefordert hast. Ich mache Dir beileibe nicht den
Vorwurf der Neugier, weiß, daß Deine Freundschaft und
Neigung zu mir selbstlos ist. Du meinst, es müßte mich in
meinem Widerspruchsvollen Zustand erleichtern, einem gleichgestimmten
Wesen mein Herz auszuschütten. Und darin magst Du recht haben.
Denn ich fühle mich in dieser großen Abgeschiedenheit noch
einsamer, weil Vaters und, Mutters sorgenvolle Blicke beständig
auf mir ruhen, weil ich ihre unausgesprochenen Forderungen


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