Heimliches Berlin - Franz Hessel - Страница 1 из 123


Mensch, dessen Erscheinung die Männer und Frauen seines Bereiches
erfreute, ohne daß sie seinem Wesen tiefer nachforschten. Erst
als er fortging, erregte er bei einigen ein schwer zu erklärendes
Abschiedsweh. Bei denen ändert sich jetzt Miene und Tonfall, wenn
sie von ihm sprechen, sie denken oft an ihn und ordnen ihn in
Zusammenhänge und Schicksale ein, die er kaum gestreift hat.
Unvergeßlich ist Wendelins Auftreten in der Galauniform seines
Urgroßvaters, des Kammerherrn von Domrau, an dem Abend bei
Margot kurz vor seiner Abreise. Margot hatte gebeten, man solle sich
verkleiden. Das hatten aber nur einige von den Frauen ernst genommen,
von den Männern außer Wendelin keiner. Zwischen den dunklen
Tuchen und bunten Seiden wirkte sein soldatisch enganliegender Rock
mit dem verschossenen Braunrot, wie man es nur noch in alten
handkolorierten Kinderbüchern findet, farbiger als alles umher;
in den engen weißen Hosen, die mit Stegen um die Schuhe griffen,
schienen seine Beine nicht durchaus auf dem Boden, sondern beim Gehen
und Tanzen in einer Luftschicht zu enden, beim Stillstehen wie auf
einem Zinnsoldatenbrettchen zu ruhen. Der hohe Tressenkragen vermehrte
die schüchterne Noblesse seiner Haltung und trennte schwertscharf
den rotblonden hellhäutigen Kopf vom Rumpfe. Er trank nur
wenig, sah aber schon nach dem ersten Glase Menschen und Dinge in der
flächigen Ferne, die ein glücklicher Rausch ihnen gibt,


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