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Franz Hessel Der Stromfjord Wer nur irgend einen
Blick auf eine Karte von Norwegens Seegrenzen geworfen hat, der
muß in tiefe Bewunderung versinken über die phantastischen
Gestaltungen dieser langen, gleich der feinsten Brüsseler Spitze
ausgezackten Granitküste, in deren Klüften unaufhörlich
des Nordmeers Wogen brüllen. Wer hat sich dann nicht den
erhabenen Anblick vorgestellt, den diese Küsten ohne Gestade,
diese Unzahl von Baien, Buchten und von andern kleinen Einschnitten,
jedoch in unendlicher Verschiedenheit darbieten, und die sämtlich
pfadlose Schlünde sind? Kommt man nicht in Versuchung, die
Behauptung aufzustellen, die Natur habe selbst in seltsamem Spiele mit
unauslöschlichen Hieroglyphen das Symbol nordischen Lebens hier
niedergelegt, indem sie in der Gestalt dieser Küsten das Bild
eines unermeßlichen Fischskeletts zeichnete? Denn der Fischfang
liefert den Haupthandel und fast die gesamte Nahrung der wenigen
gleich einer einsamen Steinflechte an den starren Klippen klebenden
Einwohner. – Kaum kommen auf eine Strecke von vierzehn Graden
der Breite siebenmalhunderttausend Seelen! Den ganz ruhmlosen
Gefahren, dem ewigen Schnee, der dem kühnen Reisenden von des
Nordlands Gipfeln, deren Namen schon Frost erregt, entgegen starrt,
haben wir es zu verdanken, daß bis jetzt diese erhabenen
Schönheiten in stiller Jungfräulichkeit unberührt
und im schönen Einklang blieben mit Erscheinungen in der


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