Briefe - Friedrich Hölderlin - Страница 1 из 2


Täglich muß ich die verschwundene Gottheit wieder rufen.
Wenn ich an große Männer denke, in großen Zeiten, wie
sie, ein heilig Feuer, um sich griffen, und alles Tote, Hölzerne,
das Stroh der Welt in Flamme verwandelten, die mit ihnen aufflog zum
Himmel, und dann an mich, wie ich oft, ein glimmend Lämpchen,
umhergehe, und betteln möchte um einen Tropfen Öl, um eine
Weile noch die Nacht hindurch zu scheinen - siehe! da geht ein
wunderbarer Schauer mir durch alle Glieder, und leise ruf ich mir das
Schreckenswort zu: lebendiger Toter! Weißt Du, woran es liegt,
die Menschen fürchten sich voreinander, daß der Genius des
einen den andern verzehre, und darum gönnen sie sich wohl Speise
und Trank, aber nichts, was die Seele nährt, und können es
nicht leiden, wenn etwas, was sie sagen und tun, im andern einmal
geistig aufgefaßt, in Flamme verwandelt wird. Die Törigen!
Wie wenn irgend etwas, was die Menschen einander sagen könnten,
mehr wäre als Brennholz, das erst, wenn es vom geistigen Feuer
ergriffen wird, wieder zu Feuer wird, so wie es aus Leben und Feuer
hervorging. Und gönnen sie die Nahrung nur gegenseitig einander,
so leben und leuchten ja beide, und keiner verzehrt den andern.
Erinnerst Du Dich unserer ungestörten Stunden, wo wir und wir nur
umeinander waren? Das war Triumpf! beede so frei und stolz und wach
und blühend and glänzend an Seel und Herz und Aug und
Angesicht, und beede so in himmlischem Frieden nebeneinander! Ich hab


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