Gedichte - Friedrich von Hagedorn - Страница 1 из 8


der muntre Seifensieder, Erlernte viele schöne Lieder Und
sang, mit unbesorgtem Sinn, Vom Morgen bis zum Abend hin. Sein
Tagwerk konnt ihm Nahrung bringen, Und wann er aß, so
mußt er singen, Und wann er sang, so wars mit Lust, Aus
vollem Hals und freier Brust. Beim Morgenbrot, beim Abendessen
Blieb Ton und Triller unvergessen; Der schallte recht, und seine
Kraft Durchdrang die halbe Nachbarschaft. Man horcht, man
fragt: Wer singt schon wieder? Wer ists? Der muntre Seifensieder.
Im Lesen war er anfangs schwach, Er las nichts als den
Almanach; Doch lernt er auch nach Jahren beten, Die Ordnung
nicht zu übertreten, Und schlief dem Nachbar gleich zu sein,
Oft singend, öftrer lesend ein. Er schien fast
glücklicher zu preisen Als die berufnen sieben Weisen,
Als manches Haupt gelehrter Welt, Das sich schon für den
achten hält. Es wohnte diesem in der Nähe Ein
Sprößling eigennützger Ehe, Der, stolz und steif
und bürgerlich, Im Schmausen keinem Fürsten wich:
Ein Garkoch richtender Verwandten, Der Schwäger, Vettern,
Nichten, Tanten, Der stets zu halben Nächten fraß
Und seiner Wechsel oft vergaß. Kaum hatte mit den
Morgenstunden Sein erster Schlaf sich eingefunden, So
ließ ihm den Genuß der Ruh Der nahe Sänger nimmer
zu. »Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,


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