Doktor Herzfeld. Zweiter Teil - Georg Hermann - Страница 1 из 382


Zweiter Teil. Schnee Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart 1922
  Den ganzen Tag hatte es auf
Berlin aus niedrig ziehenden Wolken herabgetropft wie aus einem nassen
Badelaken. Es waren schwere Wolken, die dahinschleiften und stets und
ständig die Gestalt änderten. Einzelne Nebelfetzen, die sich
gelöst hatten oder nur durch dünne elastische Bänder
mit ihnen verbunden blieben, versuchten, ob es ihnen nicht
gelänge, die Dächer zu berühren, oder ob sie sich nicht
wenigstens an den Wipfeln der Pappeln draußen – denn die
ragten am höchsten – irgendwie einen Augenblick festhalten
könnten. Also: solche Wolken waren das, wie sie eine Quelle
des Entzückens für den Maler bilden mit lehmgelben Lichtern
inmitten von tausend Abstufungen, die von Maulwurfsfarben bis zum
hauchfeinen, kaum noch lasierten Silbergrau reichen, und die man auf
Gemälden über alles gern sieht ... sie fordern zu
hastig geistvollen Pinselhieben geradezu heraus – bei einem
Ruysdael setzen sie uns in Entzücken, aber selbst bei dem
jüngsten Anfänger ist ihr plumpes Widerspiel unseres Lobes
sicher – also: (um es schlicht und rund zu sagen) solche
Wolken waren das, die, sofern sie, tropfend und schüttend, von
früh bis spät ohne Unterbrechung über die
Vorstädte einer triefenden, halbdunkeln, glitschigen
Großstadt dahinjagen, uns jedes Lebenssinns zu berauben scheinen


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