Kubinke - Georg Hermann - Страница 1 из 379


verstehen, Greenhorns, Neulinge, blinde Hessen im Geiste, Analphabeten
vor dem Schicksalsbuch können behaupten, daß der erste
April ein Tag wie alle Tage wäre. Eingeweihte werden wissen,
daß der erste April ein Tag von höchster Bedeutung ist, ein
Tag, an dem Geschicke beginnen und Geschicke enden, ein dies fatalis,
ein dies ater, ein geheimnisvoller Tag, der seine Schatten bis weit in
das Jahr oder sogar über die Jahre hinaus wirft; ein Tag, der
Menschen für alle Zeiten verbindet, zusammenführt oder
für alle Zeiten trennt, der über Glück und
Unglück, Wohl und Wehe entscheidet. Und – frage ich,
– könnte ich vielleicht einen besseren Tag finden, an dem
meine Geschichte anfängt, als den ersten April? Und wirklich,
– zufällig fängt sie genau am ersten April an.
Und da die Menschen nicht zu allen Zeiten gleich sind, sondern in
Sitten und Gebärden ständig sich verändern, so will ich
es noch bestimmter sagen, sie fängt genau am ersten April des
Jahres 1908 an. Und da die Rede- und Denkweise keineswegs an allen
Orten dieselbe ist und da das Land oder die Stadt, in der wir leben,
binnen kurzem auf jeden abfärbt, ihm und seiner Art Stempel und
Gepräge gibt, so will ich noch hinzusetzen, daß meine
Geschichte in Berlin spielt. Aber Berlin ist groß, und jeder hat
eine andere Meinung von Berlin. Der Osten liegt fern vom Westen und
der Süden weit vom Norden. Es sind Städte für
sich. Jede Straße, jeder Komplex ist eine Insel für sich.


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