Aus den Tagebüchern - Georg Heym - Страница 1 из 49


Erstes Tagebuch d. 20.12.1904. Und nun will ich auch ein
Tagebuch anfangen. Wozu? Vielleicht um idealer Zuschauer meines Selbst
zu sein, wie ich irgendwo gelesen habe, oder auch sonst aus andern
Gründen. Es soll den Stempel der Wahrheit tragen. Ich will nichts
beschönigen. Es soll mein Spiegel sein. (...)  
d 27. 12.04. Manchmal kommt über mich so eine Ahnung des
Niegelingens »Es schwinden, es fallen die leidenden Menschen wie
Wasser von Klippe zu Klippe geworfen blindlings von einer Stunde zur
andern, jahrlang in's Ungewisse hinab.« Und trotzdem kämpfe
ich immer noch weiter. Am ersten Feiertag saß ich neben ihr in
der Kirche, eine richtige Feierstunde. Natürlich mußte ich,
um mich interessant zu machen, das Heilige verspotten. Ich kann das
eben nicht lassen. (...)   8.2.05. Ach, was das
für eine Qual ist. Ich habe heute einen Aufsatz
zurückbekommen: Frieden und Streit in Göthes Herrmann und
Dorothea. Note: »mangelhaft. Phrasen können die Gedanken
nicht ersetzen.« Was das für eine Qual ist unter einem
solchen hölzernen Kerl von Pauker zu arbeiten. Steif wie ein
Ladestock. Bei Besprechung der Friedensszene im Hause des Wirtes
eingangs des Gedichtes schreibe ich: Diese ganze Friedensszene nimmt
sich aus wie ein Bildchen auf den verstaubten
Porzellantäßchen der Großmutter. Urteil:
»Werden sie nicht abgewischt?«. Um Gotteswillen
nicht sich erlauben, produktiv zu sein. Da sind wir ja noch viel zu


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