Kurze Prosastücke - Georg Heym - Страница 1 из 18


  Die Särge Die Särge wohnten in
einem kleinen Sargladen voll mit Gaslampen. Es war sehr zugig und
kalt. Der Winter hörte in dem Laden nie auf. Und wenn
draußen der Märzwind lärmte, dann wurde es im Laden
November. Tote Blätter fielen ewig von oben herein, die sommers
aus den morschen Balken gewachsen waren. Die Totenfrauen kamen zu
Besuch. Man kochte Kaffee. Man unterhielt sich. Und die
Leichentücher trockneten oben an dünnen Schnuren. Da waren
öfters wunderbare Zeichnungen darauf, wo die Toten gelegen
hatten. Kleine blaue Inseln, Kontinente, voll von Buchten mit
Schiffen. Die Tücher wurden niemals trocken. Sie hingen wie
große graue Himmelswolken an der Decke. Es war eine salzige
Regenluft. Und eine Lampe hing darin wie ein großer Mond, an dem
die Gewitter vorbeistürmten. Der Ladeninhaber war ein
uralter Mann. Er hieß Fakoli-Boli, oder Leben von tausend
Jahren. Und sein Bart war so lang, daß er immer mit den
Schuhspitzen darauf herumtrat. Wenn er frühmorgens in Unterhosen
in den Laden kam, sagten die Särge ihm einen guten Morgen und
klappten ihre großen Kinnladen auf und zu. Denn sie waren
hungrig. Und dann nahm er die toten Ratten aus der Ecke, dort wo das
Rattenkönigreich begann, (denn die Ratten können nichts
Totes in ihrem Lande haben, und darum werfen sie ihre Gestorbenen
immer über die Schlagbäume der Reichsstraßen) –
und warf sie in ihre offenen Schlünde. Während sie verdauten


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