Die Belowsche Ecke - Georg Hirschfeld - Страница 1 из 379


    1914
Verlag Ullstein & Co., Berlin-Wien  
  Erstes Kapitel Am Stammtisch des Weinhauses
Jonathan Below, Unter den Linden, Ecke der Schadowstraße,
entstand eine lebhafte Bewegung. Man hatte sich eben erst von einer
hitzigen Debatte erholt, die um das Hauptthema der neunziger Jahre,
Bismarcks Entlassung, entbrannt war. Eben noch waren die alten Herren,
den letzten Groll zu Tabakswolken verpaffend, in stilles Brüten
versunken und dem Rotspon hingegeben, als es wie ein Lichtstrahl in
all den Dunst kam und Versöhnung brachte. Man blickte auf.
Hauptmann v. Weinschenk, der Kriegsinvalide von 1870, war in
Bismarcks Interesse heiser geworden und mußte sich tobend
räuspern. Professor König, der Achtundvierziger, glaubte den
Gott der Junker endgültig gestürzt zu haben und
lächelte ganz jugendlich vor sich hin. Herr Rösicke,
Wäschefabrikant und Hoflieferant, tat etwas Besonderes beim
täglichen Stammtischschlummer – er rekelte sich und machte
die Augen auf. Joachim Friedrich Below aber, der wie gewöhnlich
der Debatte ausgewichen 8 war und auf die Linden hinausblickte, drehte
sich überrascht um. Nur Gottlieb Pinkert, der älteste
Kellner, reagierte nicht auf die Sensation für den Wirt und die
Gäste. Er schlurfte wieder in das Hauptzimmer, um bei Mutter
Below am Büfett zweimal »frische Wurscht« zu
bestellen. Was war geschehen? War ein neuer Gast erschienen? Ja.


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