Erinnerungen einer alten Schwarzwälderin - Heinrich Hansjakob - Страница 1 из 204


vielen Jahren eine alte, alte Schwarzwälderin. Sie ist, im Herzen
des Schwarzwalds geboren, auf allen Bergen und in allen Tälern an
der Gutach, Kinzig, Wolf, am Schapbach und Harmersbach hin in Diensten
gestanden. Seit Jahren dient sie bei mir, nachdem ich sie aus
unwürdiger, einsamer Gefangenschaft erlöst, sie mit neuen
Kleidern versehen und in meine nächste Nähe versetzt habe.
So wie in fürstlichen Schlössern
Weißzeugbeschließerinnen fungieren, ähnlich amtiert
die alte Wälderin bei mir als eine Art Beschließerin.
Ihr schönster Dienst aber ist: sie erzählt mir in Stunden,
in denen wir allein sind, aus ihrem langen, langen Leben. Oft,
wenn ich lebensmüde und welk und krank in meiner Studierstube auf
meinem Ruhebett liege, sie mir gegenüber steht und ich meine
Augen auf sie richte, fängt sie an, mir zu erzählen. Sie
will mich, die gute Alte, auf andere Gedanken bringen und zerstreuen.
Sie weiß, daß mich allerlei trübe Gedanken Plagen,
wenn ich, unfähig zu geistiger Arbeit, so daliege. Sie hört
mich seufzen: »'s ist ein Elend auf dieser Welt!« –
und erzählt mir drum Geschichten, die mir neuen Mut
machen sollen, des Lebens Last lautlos weiter zu tragen. So ist
sie mir in düstern Stunden eine liebe, treue Gefährtin, und
wir lieben uns, so gut als alte Leute noch lieben können. Und
obwohl sie viel, viel älter ist als ich, bin ich ihr doch von


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