Zwei Skizzenblätter - Heinrich Hart - Страница 1 из 53


Eine strahlende Weite thut sich auf. Schwärme von Silberreihern
stehen in der Luft, seidig glänzenden Wolken gleich. Langsam
schweben sie gen Süd. Und wie ich ihnen nachschaue, fühl'
ich die Lust, die Kraft, wie sie emporzusteigen. In raschem Fluge
gleit' ich durch klares warmes Blau. Über Felsen dahin, die
purpurblühendes Gerank schmiegsam umschlingt. Über tausend
Gärten, die ihre Lianenarme mir entgegenbreiten, mit ihren
Blumenaugen mir lachend winken. Jeder Garten umrahmt ein weiß
schimmerndes Marmorhaus mit Wänden, zart und durchbrochen wie
Spitzengeweb. Unter Ulmen ruhen rosenleibige Menschen, ihre Gesichter
hell von einem Lächeln, das nie erlischt. Und eine Stimme glaub'
ich zu hören: Wohin willst du? Laß dich nieder zu uns, den
Kindern des Lichts. Bleibe bei uns im Sonnenland, im Lande der
Zukunft, in Avalun! Mich aber reißt ein Wirbel hinweg, ein
eisiger Hauch durchschüttelt mein Blut, graues Gewölk
umdrängt mich, verfinstert die Luft, drückt mich zu Boden
... Was ist uns – uns ein Licht, das nie erlischt? Uns
Kindern der Dämmerung. Und doch – kommt nicht einst der
Tag, da wir reif und stark sind, es zu ertragen? Schon heut' in den
Stunden der Sehnsucht leuchtet dann und wann ein Strahl in unsre
Trübnis herüber. Und schon heut' wandelt dann und wann einer
unter uns, dessen Seele kaum noch vom Dunkel weiß, ein Vorbote
künftiger Geschlechter. Ohne Irrung ist sein Weg, sicher


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