Buch der Lieder - Heinrich Heine - Страница 1 из 157


Vorrede Diese neue Ausgabe des Buchs der Lieder kann ich
dem überrheinischen Publikum nicht zuschicken, ohne sie mit
freundlichsten Grüßen in ehrlichster Prosa zu begleiten.
Ich weiß nicht, welches wunderliche Gefühl mich davon
abhält, dergleichen Vorworte, wie es bei Gedichtesammlungen
üblich ist, in schönen Rhythmen zu versifizieren. Seit
einiger Zeit sträubt sich etwas in mir gegen alle gebundene Rede,
und wie ich höre, regt sich bei manchen Zeitgenossen eine
ähnliche Abneigung. Es will mich bedünken, als sei in
schönen Versen allzuviel gelogen worden, und die Wahrheit scheue
sich, in metrischen Gewanden zu erscheinen. Nicht ohne
Befangenheit übergebe ich der Lesewelt den erneueten Abdruck
dieses Buches. Es hat mir die größte Überwindung
gekostet, ich habe fast ein ganzes Jahr gezaudert, ehe ich mich zur
flüchtigen Durchsicht desselben entschließen konnte. Bei
seinem Anblick erwachte in mir all jenes Unbehagen, das mir einst vor
zehn Jahren, bei der ersten Publikation, die Seele beklemmte.
Verstehen wird diese Empfindung nur der Dichter oder Dichterling, der
seine ersten Gedichte gedruckt sah. Erste Gedichte! Sie müssen
auf nachlässigen, verblichenen Blättern geschrieben sein,
dazwischen, hie und da, müssen welke Blumen liegen, oder eine
blonde Locke, oder ein verfärbtes Stückchen Band, und an
mancher Stelle muß noch die Spur einer Träne sichtbar
sein... Erste Gedichte aber, die gedruckt sind, grell schwarz gedruckt


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