Der Rabbi von Bacherach - Heinrich Heine - Страница 1 из 60


Erstes Kapitel Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes
ihre lachende Miene verlieren, Berg und Felsen, mit ihren
abenteuerlichen Burgruinen, sich trotziger gebärden, und eine
wildere, ernstere Herrlichkeit emporsteigt, dort liegt, wie eine
schaurige Sage der Vorzeit, die finstre, uralte Stadt Bacherach. Nicht
immer waren so morsch und verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen
Zinnen und blinden Warttürmchen, in deren Luken der Wind pfeift
und die Spatzen nisten; in diesen armselig häßlichen
Lehmgassen, die man durch das zerrissene Tor erblickt, herrschte nicht
immer jene öde Stille, die nur dann und wann unterbrochen wird
von schreienden Kindern, keifenden Weibern und brüllenden
Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in diesen
Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht, Lust und
Leid, viel Liebe und viel Haß. Bacherach gehörte einst zu
jenen Munizipien, welche von den Römern während ihrer
Herrschaft am Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleich
die folgenden Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie
späterhin unter Hohenstaufischer, und zuletzt unter Wittelsbacher
Oberherrschaft gerieten, wußten dennoch, nach dem Beispiel
andrer rheinischen Städte, ein ziemlich freies Gemeinwesen zu
erhalten. Dieses bestand aus einer Verbindung einzelner
Körperschaften, wovon die der patrizischen Altbürger und die
der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenen Gewerken


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