Gedanken und Einfälle - Heinrich Heine - Страница 1 из 58


letzten Mondlichter des achtzehnten und das erste Morgenrot des
neunzehnten Jahrhunderts.   Die Mutter erzählt,
sie habe während ihrer Schwangerschaft im fremden Garten einen
Apfel hängen sehen, ihn aber nicht abbrechen wollen, damit ihr
Kind kein Dieb werde. Mein Leben hindurch behielt ich ein geheimes
Gelüste nach schönen Äpfeln, aber verbunden mit Respekt
vor fremden Eigentum und Abscheu vor Diebstahl.   Ich
habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine
bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Beet, gutes
Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der
Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich
ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude
erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner
Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich
ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben
zugefügt – Ja, man muß seinen Feinden verziehen, aber
nicht früher, als bis sie gehenkt worden.   Ich
bin nicht vindikativ – ich möchte gern meine Feinde lieben;
aber ich kann sie nicht lieben, ehe ich mich an ihnen gerächt
habe – dann erst öffnet sich ihnen mein Herz. Solange man
sich nicht gerächt, bleibt immer eine Bitterkeit im Herzen
zurück.   Daß ich Christ ward, ist die
Schuld jener Sachsen, die bei Leipzig plötzlich umsattelten, oder
Napoleon's, der doch nicht nötig hatte, nach Rußland zu


-10     пред. Страница 1 из 58 след.     +10