Memoiren - Heinrich Heine - Страница 1 из 80


teure Dame, die Denkwürdigkeiten meiner Zeit, insofern meine
eigene Person damit als Zuschauer oder als Opfer in Berührung
kam, so wahrhaft und getreu als möglich aufzuzeichnen gesucht.
Diese Aufzeichnungen, denen ich selbstgefällig den Titel
»Memoiren« verlieh, habe ich jedoch schier zur Hälfte
wieder vernichten müssen, teils aus leidigen
Familienrücksichten, teils auch wegen religiöser Skrupeln.
Ich habe mich seitdem bemüht, die entstandenen Lakunen
notdürftig zu füllen, doch ich fürchte, posthume
Pflichten oder ein selbstquälerischer Überdruß zwingen
mich, meine Memoiren vor meinem Tode einem neuen Autodafe zu
überliefern, und was alsdann die Flammen verschonen, wird
vielleicht niemals das Tageslicht der Öffentlichkeit erblicken.
Ich nehme mich wohl in acht, die Freunde zu nennen, die ich mit der
Hut meines Manuskriptes und der Vollstreckung meines Letzten Willens
in bezug auf dasselbe betraue; ich will sie nicht nach meinem Ableben
der Zudringlichkeit eines müßigen Publikums und dadurch
einer Untreue an ihrem Mandat bloßstellen. Eine solche
Untreue habe ich nie entschuldigen können; es ist eine unerlaubte
und unsittliche Handlung, auch nur eine Zeile von einem Schriftsteller
zu veröffentlichen, die er nicht selber für das große
Publikum bestimmt hat. Dieses gilt ganz besonders von Briefen, die an
Privatpersonen gerichtet sind. Wer sie drucken läßt oder
verlegt, macht sich einer Felonie schuldig, die Verachtung verdient.


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