Shakespeare's Mädchen und Frauen - Heinrich Heine - Страница 1 из 159


Einleitung Ich kenne einen guten Hamburger Christen, der sich
nie darüber zufrieden geben konnte, daß unser Herr und
Heiland von Geburt ein Jude war. Ein tiefer Unmut ergriff ihn
jedesmal, wenn er sich eingestehen mußte, daß der Mann,
der, ein Muster der Vollkommenheit, die höchste Verehrung
verdient, dennoch zur Sippschaft jener ungeschnäuzten Langnasen
gehörte, die er auf der Straße als Trödler
herumhausieren sieht, die er so gründlich verachtet, und die ihm
noch fataler sind, wenn sie gar, wie er selber, sich dem
Großhandel mit Gewürzen und Farbstoffen zuwenden, und seine
eigenen Interessen beeinträchtigen. Wie es diesem
vortrefflichen Sohne Hammonia's mit Jesus Christus geht, so geht es
mir mit William Shakespeare. Es wird mir flau zumute, wenn ich
bedenke, daß er am Ende doch ein Engländer ist und dem
widerwärtigsten Volke angehört, das Gott in seinem Zorne
erschaffen hat. Welch ein widerwärtiges Volk, welch ein
unerquickliches Land! Wie steifleinen, wie hausbacken, wie
selbstsüchtig, wie eng, wie englisch! Ein Land, welches
längst der Ozean verschluckt hätte, wenn er nicht
befürchtete, daß es ihm Übelkeiten im Magen
verursachen möchte ... Ein Volk, ein graues, gähnendes
Ungeheuer, dessen Atem nichts als Stickluft und tödliche
Langeweile, und das sich gewiß mit einem kolossalen Schiffstau
am Ende selbst aufhängt ... Und in einem solchen Lande, und
unter einem solchen Volke hat William Shakespeare im April 1564 das


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