Vermischte Schriften - Heinrich Heine - Страница 1 из 176


an den Grafen M. von Moltke« (1831)
Der gallische Hahn hat jetzt zum zweiten Male gekräht, und auch
in Deutschland wird es Tag. In entlegene Klöster, Schlösser,
Hansestädte und dergleichen letzte Schlupfwinkel des Mittelalters
flüchten sich die unheimlichen Schatten und Gespenster, die
Sonnenstrahlen blitzen, wir reiben uns die Augen, das holde Licht
dringt uns ins Herz, das wache Leben umrauscht uns, wir sind erstaunt,
wir befragen einander: – Was taten wir in der vergangenen Nacht?
Nun ja, wir träumten in unserer deutschen Weise, d.h., wir
philosophieren. Zwar nicht über die Dinge, die uns zunächst
betrafen oder zunächst passierten, sondern wir philosophierten
über die Realität der Dinge an und für sich, über
die letzten Gründe der Dinge und ähnliche metaphysische und
transzendentale Träume, wobei uns der Mordspektakel der
westlichen Nachbarschaft zuweilen recht störsam wurde, ja sogar
recht verdrießlich, da nicht selten die französischen
Flintenkugeln in unsere philosophischen Systeme hineinpfiffen und
ganze Fetzen davon fortfegten. Seltsam ist es, daß das
praktische Treiben unserer Nachbarn jenseits des Rheins dennoch eine
eigene Wahlverwandtschaft hatte mit unserem philosophischen
Träumen im geruhsamen Deutschland. Man vergleiche nur die
Geschichte der französischen Revolution mit der Geschichte der
deutschen Philosophie, und man sollte glauben: die Franzosen, denen so


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