Aus dem Leben einer Waise - Helene Hübener - Страница 1 из 299


das kleine Städtchen aus langem Winterschlaf erwacht.
Überall Leben und Bewegung. Knaben spielten und lärmten auf
der Straße, kleine Mädchen zeigten einander bunte Ostereier
oder fuhren ihre Puppen spazieren in der warmen Frühlingssonne;
Frauen standen schwatzend in den offenen Haustüren und freuten
sich über das schöne Wetter; Männer waren
geschäftig bei der Arbeit, es galt ein halb vollendetes Haus
fertigzustellen. Dem Bau gegenüber, an einem unteren
Fenster eines zweistöckigen Hauses, stand ein blasses etwa
elfjähriges Mädchen, das Gesicht an die Fensterscheibe
gedrückt, und schaute hinaus auf das Leben da draußen. Zwei
kleine Mädchen, die eben mit ihren Puppenwagen
vorüberfuhren, blieben stehen, klopften an die Fensterscheiben
und riefen: »Frieda, komm heraus.« Sie schüttelte
traurig den Kopf, und eine Träne rollte langsam über die
blasse Wange. Während die eine noch einmal bat, sagte die andere:
»Laß sie nur, sie kommt doch nicht. Seit ihre Mutter
gestorben ist, spielt sie nicht mehr mit uns.« Die Kinder
schoben ihren Wagen weiter, und bald dachten sie nicht mehr an das
einsame Kind in Trauerkleidern, dort unten in der Stube. Als sei
ihm plötzlich ein erlösender Gedanke gekommen,
schlüpfte es aus der Tür, ging die Treppe hinauf und
öffnete die zu den oberen Räumen führende Tür. Es
betrat einen großen, zweifenstrigen Raum, in dem sich eine Menge
Möbel, wie zum Umzug bereit, befanden. Einige Leute standen


-10     пред. Страница 1 из 299 след.     +10