Im Rosenhaus - Helene Hübener - Страница 1 из 224


Sie legte die Hefte, die sie eben durchgesehen hatte, beiseite und
rief durch die offene Tür: »Frau Gründler, sind Sie
mit Ihrer Arbeit in der Küche bald fertig?« Ein
schwerfälliger Tritt ließ sich hören, und eine
behäbige, sauber gekleidete Frau erschien auf der
Bildfläche. »Ich wollte eben den Schlüssel bringen,
Fräulein Anna. Sie gehen doch sicher noch ein wenig spazieren,
Sie müssen ja ganz steif von dem vielen Sitzen sein!«
Anna lachte. »Sie kommen wohl nicht in die Verlegenheit, Frau
Gründler. Aber Sie haben recht. Wenn man morgens Schule gehalten
und nachmittags einen Stoß Arbeiten durchgesehen hat, muß
man mal ins Freie. Also auf morgen!« Mit diesen Worten
verabschiedete sie ihre Aufwärterin und stand, während sie
den Mantel zuknöpfte, am offenen Fenster und erfreute sich an der
schönen Aussicht. Der Anblick war ihr lange vertraut, denn sie
wirkte als Leiterin einer Privatschule schon eine Reihe von Jahren in
Falkenau. Sie hatte sich damals dieses Haus wegen seiner schönen
Lage ausgesucht und auch zwei passende Schulräume im gleichen
Haus gefunden. Anna liebte die Natur, sie liebte die bewaldete
Bergkette die sich in blauer Ferne vor ihr ausdehnte, die zu ihren
Füßen liegende Kleinstadt mit ihren roten Dächern und
grünen Bäumen, den Fluß, der sich wie ein Silberfaden
durch Felder und Wiesen schlängelte. »Ja, schön
ist's hier«, sagte sie halblaut vor sich hin. »Aber sehr


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