Maria und Lisa - Helene Hübener - Страница 1 из 298


Kind, nimm dir irgendeine Arbeit vor, das Ferienleben bringt sowieso
viele Stunden des Nichtstuns mit sich«, sagte meine Mutter
gestern, die nie sehen kann, wenn ihre Tochter unbeschäftigt
dasitzt. »Was soll ich nur tun, Mutter«, gab ich zur
Antwort. »Zum Essen gehen wir in den ›Goldenen
Stern‹; die Zimmer werden vom Personal besorgt, immer
Handarbeit ist langweilig.« Da sah mein Vater von der
Zeitung auf und warf dazwischen: »Schreibe doch ein Tagebuch,
Annchen. Erzähle deine kleinen Erlebnisse, und im Winter, wenn's
draußen schneit und stürmt, und wir behaglich in unserem
großen Wohnzimmer sitzen, da liest du Eltern und Geschwistern
vor, was du geschrieben hast.« Die Mutter nickte mir
lächelnd zu, ich aber war so erstaunt, diesen Vorschlag von
meinem Vater zu hören, daß ich erst gar nichts sagen
konnte, obwohl ich die Idee herrlich fand. Es war ein lieblicher
Ort, in einem weiten, von Bergen begrenzten Tal gelegen, wo mein
Vater, der an nervösem Kopfschmerz litt, Ruhe und Erholung suchte
und durch Stahlbäder seine Nerven kräftigte. Meine Mutter
war zur Pflege mitgegangen, und ich? Ja, ich sollte den Eltern wohl
zur Erheiterung dienen, denn ich bin gern lustig und oft leider zu
allerhand übermütigen Streichen aufgelegt. Ich glaube, ich
schwatze den Eltern oft zu viel, darum wünschen sie, daß
ich mich eine Zeitlang still beschäftige. Wenn ich nun nicht
reden kann, soll's die Feder für mich tun. Also,


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