Nur treu - Helene Hübener - Страница 1 из 111


Nordostwind heulte und trieb den Schnee, der die Tage vorher in
ergiebiger Menge gefallen war, hier und da zu hohen Schanzen zusammen.
In den Städten, auf den gepflasterten Straßen ließ
sich wohl noch fortkommen, aber wehe denen, die auf offener
Landstraße waren, denen der Sturm den Schnee ins Gesicht blies
und den Weg verdunkelte. Es mochte 4 Uhr nachmittags sein, da
wanderten zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, in den
Straßen der Vorstadt S. Sie schienen an Wind und Wetter
gewöhnt, sonst hätten sie's wohl nimmer ausgehalten am
heutigen Tage. Ihre Kräfte waren auch erschöpft, denn sie
standen still und schnappten nach Luft. Da kam der Wind und riß
dem Mädchen das dünne Kopftüchlein weg, so daß
die schwarzen Haare wild umherflatterten. »Halte meinen
Korb«, rief sie dem Knaben zu, und schnell wie der Wind lief sie
dem Tüchlein nach, bis sie's erfaßte, schüttelte den
Schnee ab, strich die lockigen Haare hinter die Ohren und band die
Hülle mit festem Knoten. Dann nahm sie ihren Korb und sagte zu
dem vor Kälte zitternden Knaben: »Mache schnell, daß
wir vorwärts kommen, vielleicht bekommen wir in einem der
Häuser etwas geschenkt, oder läßt uns eine Köchin
in die Küche an den warmen Herd, in den Küchen der Reichen
riecht es immer so gut.« »Wir wollen doch lieber
gleich nach Hause«, sagte der Knabe, »mich friert so
sehr.« »Zu Hause müssen wir noch mehr frieren;
meine Mutter hat keine Kohlen mehr, und bei euch ist es gerade so.


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