Unter einem Dach - Helene Hübener - Страница 1 из 342


Erzählung   18.-30. Tausend 1923
Verlag von D. Gundert in Stuttgart
1. Der Forsthof. Es war Mitte April. Den kalten Nordost-
und Ostwinden, die wochenlang das Land durchfegt hatten, war ein
warmer Südwind gefolgt. Der Regen, den er mit sich gebracht,
hatte aufgehört, und Sonnenschein und Vogelsang, Keimen und
Sprießen an Sträuchern und Bäumen kündigte den
Frühling an. In dem Dorf Lindenheim, das seinen Namen von der
großen Lindenallee haben mochte, welche links von der
Dorfstraße in das von einem schönen Parke umgebene
Schloß führte, läuteten die Glocken den Palmsonntag
ein. Etwas abseits vom Dorf, da, wo der Wald anfing, lag der Forsthof.
Das stattliche Wohnhaus mit seinen grünen Fensterläden und
dem großen Hirschgeweih über der Haustür war von der
Landstraße durch eine immergrüne, kurzbeschnittene
Tannenhecke getrennt. Durch das offene Tor, welches die Hecke teilte,
sah man in den Garten, der das Forsthaus vorn umgab. Es blühten
Narzissen und Osterlilien darin, Veilchen und buntfarbige Aurikel.
»Nehmt euch, so viel ihr mögt,« sagte ein kleines,
etwa sechsjähriges Mädchen zu zwei größeren
Dorfmädchen, die morgen konfirmiert werden sollten. »Mutter
hat's erlaubt, sie sagt: sie freut sich, wenn der Altar der Kirche mit
unsern Blumen geschmückt werden soll.« – »Nun
sind es genug,« sagte das größte von den
Mädchen. »Da kommen Marie und Christine, seht nur,


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