Augenblicke in Griechenland - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 55


unternehmen, die geistigste. Hierher am wenigsten schickt uns
halbsinnliche Neugier, die der geheime Untergrund so vieler Reisen ist
und immer gewesen ist, und wir sind fast befremdet, wenn uns
Griechenland, schon ehe wir es betreten haben, mit dem empfängt,
woran wir hier am wenigsten gedacht hätten: einem bezaubernden,
ganz orientalischen Duft, gemischt aus Orangenblüten, Akazien,
Lorbeer und Thymian. Es ist eine geistige Pilgerschaft, die wir
unternommen hatten, und wir hatten vergessen, daß diese
Landschaft einen anderen Duft aushauchen könnte als den der
Erinnerungen. Dem, was wir sehen wollen, hebt sich zu viel geistige
Ungeduld entgegen; wir tragen zu viele Seelen in uns, die ihre
Aspiration nach diesen Hügeln und Tempeltrümmern mit der
unseren vermischen. Wir kommen an, verloren in einem
Bündel schattenhafter Gefährten. Aber wie wir den Fuß
auf diesen Strand setzen, das wirkliche Gestein unter unserer Sohle
fühlen, die sonnige und frische Luft einziehen, lassen sie uns
alle im Stich. Wir stehen im Vorhof unserer Sehnsucht und wir
fühlen, daß wir unsere Führer verloren haben. Bis vor
kurzem noch, als das Schiff sizilisches,
»großgriechisches« Gewässer befuhr – war
Goethe mit uns. Er bleibt zurück, wie der italische Strand hinter
uns zurückbleibt. Mit einem Mal fühlen wir ihn als
Römer. Der große Kopf der Juno Ludovisi steht zwischen uns
und ihm. Wir erinnern uns, daß er nie eine wirkliche Antike, nie


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