Das Kloster des Heiligen Lukas - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 9


Wir waren an diesem Tag neun oder zehn Stunden geritten. Als die Sonne
sehr hoch stand, hatten wir gelagert vor einem kleinen Khan, bei dem
eine reine Quelle war und eine schöne große Platane.
Später hatten wir noch einmal mit den Maultieren aus einem Faden
fließenden Wassers getrunken, flach auf dem Boden liegend. Unser
Weg war zuerst an einem Abhang des Parnaß eingeschnitten, dann
in einem urzeitigen versteinten Flußbett, dann in einer
Einsenkung zwischen zwei kegelförmigen Bergen; zuletzt lief er
über eine fruchtbare Hochebene hin inmitten grüner
Kornfelder. Manche Strecken waren öde mit der Öde von
Jahrtausenden und nichts als einer raschelnden Eidechse überm Weg
und einem kreisenden Sperber hoch oben in der Luft; manche waren
belebt von dem Leben der Herden. Dann kamen die wolfsähnlichen
Hunde bellend und die Zähne weisend bis nahe an die Maultiere,
und man mußte sie mit Steinen zurückjagen. Schafe, schwer
in der Wolle, standen zusammengedrängt im Schatten eines
Felsblockes, und ihr erhitztes Atmen schüttelte sie. Zwei
schwarze Böcke stießen einander mit den Hörnern. Ein
junger hübscher Hirt trug ein kleines Lamm auf dem Nacken. Auf
einer flachen steinichten Landschaft verharrte regungslos der Schatten
einer Wolke. In einer sonderbar geformten Mulde, wo Tausende von
einzelnen großen Steinen lagen und dazwischen Tausende von
kleinen stark duftenden Sträuchern wuchsen, zog sich eine


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