Das Märchen der 672. Nacht - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 27


Ein junger Kaufmannssohn, der sehr schön war und weder Vater noch
Mutter hatte, wurde bald nach seinem fünfundzwanzigsten Jahre der
Geselligkeit und des gastlichen Lebens überdrüssig. Er
versperrte die meisten Zimmer seines Hauses und entließ alle
seine Diener und Dienerinnen, bis auf vier, deren Anhänglichkeit
und ganzes Wesen ihm lieb war. Da ihm an seinen Freunden nichts
gelegen war und auch die Schönheit keiner einzigen Frau ihn so
gefangen nahm, daß er es sich als wünschenswert oder nur
als erträglich vorgestellt hätte, sie immer um sich zu
haben, lebte er sich immer mehr in ein ziemlich einsames Leben hinein,
welches anscheinend seiner Gemütsart am meisten entsprach. Er war
aber keineswegs menschenscheu, vielmehr ging er gerne in den
Straßen oder öffentlichen Gärten spazieren und
betrachtete die Gesichter der Menschen. Auch vernachlässigte er
weder die Pflege seines Körpers und seiner schönen
Hände noch den Schmuck seiner Wohnung. Ja, die Schönheit der
Teppiche und Gewebe und Seiden, der geschnitzten und getäfelten
Wände, der Leuchter und Becken aus Metall, der gläsernen und
irdenen Gefäße wurde ihm so bedeutungsvoll, wie er es nie
geahnt hatte. Allmählich wurde er sehend dafür, wie alle
Formen und Farben der Welt in seinen Geräten lebten. Er erkannte
in den Ornamenten, die sich verschlingen, ein verzaubertes Bild der
verschlungenen Wunder der Welt. Er fand die Formen der Tiere und die


-10     пред. Страница 1 из 27 след.     +10