Das Märchen von der verschleierten Frau - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 13


verschleierten Frau Die junge Frau des Bergmannes trat ans Fenster
der hinteren Stube, um zu sehen, ob die Sonne bald an den Rand des
Berges sinken werde. Die Sonne stand aber noch hoch, die Nelken auf
dem Fensterbrett warfen ganz kurze Schatten, und von unten rauschte
der Bach eine merkliche Kühle herauf. Obwohl die Frau
wußte, daß ihr Mann noch lange nicht von der Schicht
heimkommen konnte, blieb sie doch am Fenster stehen und spähte
durch die dämmernden Laubkronen hinüber auf ein paar
gelbrote Flecke zwischen dem Grün: das war der Waldweg.
Plötzlich aber mußte sie zurücktreten und sich mit
beiden Händen an der Tischkante festhalten: der kleine
wohlbekannte Abgrund vor dem Fenster, in dessen Tiefstem der kleine
Sturzbach hintoste und über dessen ganzen grünen Abhang der
verkrümmte Zweig eines Apfelbaums hinabgriff, verursachte ihr
Schwindel. Sie heftete ihre ängstlichen Augen auf ihr
dreijähriges Mädchen, das auf dem Fußboden spielte.
Das Kind sah lächelnd zu ihr auf, zugleich fühlte die
Mutter, wie das warme Blut ihrem Herzen wieder zuströmte.
Sogleich nahm das Gesicht der jungen Frau einen hellen verklärten
Ausdruck an: denn sie wußte, daß sie ein zweites Kind
unter dem Herzen trug, und da sie dieses neue Leben nur erst ahnte und
seine Regungen noch nicht fühlen konnte, so nahm sie diese
ängstlichen Bewegungen ihres Blutes für eine Bürgschaft
seines bewußtlosen Werdens. Sie nahm das Kind, das sie für


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