Der Wanderer - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 12


εισὶ καὶ
κυνω̃ν
ερινύες Der Schlaf der
Mönche ist kurz. Bald nach Mitternacht läuteten sie die
Glocken, beteten, sangen; vor Sonnenaufgang wiederum. Wir hatten kaum
zwei Stunden halben Schlummers hinter uns; wir waren um so wacher. Wir
gingen auf dem schmalen Pfad hintereinander sehr rasch, so rasch, als
die Maultiere, mit den Wegweisern im Sattel, hinter uns schritten. Der
Weg führte in der Morgenkühle zurück am Hang oberhalb
des lieblichen Tales, wieder über die gleiche Ebene zwischen zwei
kahlen Bergen, dann bog er, im ausgetrockneten Bett eines
Gießbaches, seitwärts hinab, spaltete sich gegen Davlia
einerseits, andrerseits gegen Chaeronea in Böotien; bis dorthin
sollten es sieben Stunden sein, und halben Weges eine Ader guten
Wassers, die niemals versiegte, weit und breit bekannt den Hirten.
Unser Gespräch währte bis zu jener Begegnung mit dem
einsamen Wanderer; es währte also zwei und eine halbe oder drei
Stunden, ununterbrochen, ohne den leisesten Zwang oder bewußten
Willen, es fortzuführen, und war eines der seltsamsten und
schönsten Gespräche, dessen ich mich entsinnen kann. Wir
waren zu zweit, und indem wir sprachen, war es, als hinge jeder nur
seinen Erinnerungen nach, von denen viele uns gemeinsam waren.
Zuweilen rief sich der eine die Gestalt eines Freundes herauf, den der
andre nie gesehen, von dem er nur viel gehört hatte. Aber die
tiefe und gleichsam zeitlose Einsamkeit, die uns umgab, das


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