Die Frau ohne Schatten - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 147


Erzählung Erstes Kapitel Der Kaiser war bei der
Kaiserin, die des Sommers wegen ihr Gemach auf der obersten Terrasse
des blauen Palastes bewohnte. Die Amme verharrte ihrer Gewohnheit nach
wachend auf der Terrasse und überdachte zornig das Geschick, das
ihre Herrin, eine Fee und eifersüchtig behütete Tochter des
mächtigen Geisterfürsten, als Gattin in die Hände eines
sterblichen Mannes gegeben hatte, mochte er gleich der Kaiser der
Südöstlichen Inseln sein. In ihrer Einbildung verweilte sie,
wie so oft, mit dem ihr anvertrauten Feenkinde noch auf der einsamen
kleinen Insel, umflossen von dem ebenholzschwarzen Wasser des
Bergsees, den die sieben Mondberge einschlossen, wo sie stille
abgeschiedene Jahre verbracht hatten. Wieder meinte sie dem
halbwüchsigen Kinde zuzusehen, das sich vor ihren Augen in einen
hellroten Fisch verwandelte und leuchtend die dunkle Flut durchstrich,
oder die Gestalt eines Vogels annahm und zwischen düsteren
Zweigen hinflatterte. Aber mitten in ihre träumenden Gedanken
brach mit Gewalt das widerwärtige zweideutige Gefühl der
Gegenwart. Mit einem unwillkürlichen Seufzer öffnete sie
ganz die Augen und spähte in die schöne Finsternis hinaus.
Eine Erhellung über dem großen Teich fiel ihr bald auf. Das
Leuchtende kam rasch näher, die Baumwipfel empfingen, wie es
darüber hinging, einen Schein. An ihrem Bangen fühlte sie,
daß es ein Wesen aus jener Welt war, der sie angehörte und


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