Ein Brief - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 18


Chandos an Francis Bacon) Dies ist der Brief, den Philip Lord
Chandos, jüngerer Sohn des Earl of Bath, an Francis Bacon,
später Lord Verulam und Viscount St. Albans, schrieb, um sich bei
diesem Freunde wegen des gänzlichen Verzichtes auf literarische
Betätigung zu entschuldigen. Es ist gütig von Ihnen,
mein hochverehrter Freund, mein zweijähriges Stillschweigen zu
übersehen und so an mich zu schreiben. Es ist mehr als
gütig, Ihrer Besorgnis um mich, Ihrer Befremdung über die
geistige Starrnis, in der ich Ihnen zu versinken scheine, den Ausdruck
der Leichtigkeit und des Scherzes zu geben, den nur große
Menschen, die von der Gefährlichkeit des Lebens durchdrungen und
dennoch nicht entmutigt sind, in ihrer Gewalt haben. Sie
schließen mit dem Aphorisma des Hippokrates: »Qui gravi
morbo correpti dolores non sentiunt, iis mens aegrotat« und
meinen, ich bedürfe der Medizin nicht nur, um mein Übel zu
bändigen, sondern noch mehr, um meinen Sinn für den Zustand
meines Innern zu schärfen. Ich möchte Ihnen so antworten,
wie Sie es um mich verdienen, möchte mich Ihnen ganz
aufschließen, und weiß nicht, wie ich mich dazu nehmen
soll. Kaum weiß ich, ob ich noch derselbe bin, an den Ihr
kostbarer Brief sich wendet; bin denn ich's, der nun
Sechsundzwanzigjährige, der mit neunzehn jenen »neuen
Paris«, jenen »Traum der Daphne«, jenes
»Epithalamium« hinschrieb, diese unter dem Prunk ihrer


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