Erinnerung schöner Tage - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 11


Sonne stand noch ziemlich hoch, als wir ankamen, aber ich ließ
sogleich in die engen dunklen Gassen einbiegen. Ferdinand und seine
Schwester saßen nebeneinander, als wir so lautlos hinglitten,
und ihre Augen gingen über die alten Mauern, deren rote und graue
Spiegelung wir zerteilten, über die Portale, deren Schwelle das
Wasser bespülte, über die steinernen, feuchtglänzenden
Wappen und die mächtig vergitterten Fenster. Wir fuhren unter
kleinen Brücken durch, deren feuchte Wölbung dicht über
unseren Köpfen war, über die kleine alte Frauen und ganz
gebogene alte Männer hinhumpelten und nackte Kinder sich seitlich
herabließen, um zu baden. Vor einem engen, stillen Platz
ließ ich anlegen. Stufen führten zu einer Kirche. In den
Mauern standen viele Steinfiguren in Nischen und traten in das
Abendlicht vor . . . Die Geschwister wollten
stehenbleiben, aber ich zog sie fort, hinter mir her, durch noch
engere Gassen, in denen kein Wasser war, sondern Steinboden, endlich
durch einen dumpfen finsteren Schwibbogen hinaus auf den großen
Platz, der dalag wie ein Freudensaal, mit dem Himmel als Decke, dessen
Farbe unbeschreiblich war: denn es wölbte sich das nackte Blau
und trug keine Wolke, aber die Luft war gesättigt von
aufgelöstem Gold, und wie ein Niederschlag aus der Luft hing an
den Palästen, die die Seiten des großen Platzes bilden, ein
Hauch von Abendrot. Die beiden Geschwister, die zum erstenmal dies


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