Gerechtigkeit - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 4


mitten im Garten. Vor mir lief der Kiesweg zwischen zwei
blaßgrünen Wiesen aufwärts, bis wo der Hügel
abbrach und sich der dunkelgrün gestrichene Lattenzaun scharf in
den hellen Frühlingshimmel hineinzeichnete. Wo der Weg
aufhörte, hatte der Zaun eine kleine Tür. in der dünnen
durchsichtigen Luft schwebten Bienen zwischen den rosenroten über
und über blühenden Pfirsichbäumen hin und her. Da
knarrte oben das Lattentürchen und zuerst sprang ein Hund in den
Garten, ein großes hochbeiniges zierliches Windspiel. Hinter dem
Hund trat, das Türchen hinter sich zudrückend, ein Engel
ein, ein junger blonder schlanker Engel, einer von den schlanken Pagen
Gottes. Er trug Schnabelschuhe, an der Seite hing ihm ein langer
Stoßdegen und im Gürtel ein Dolch. Brust und Schultern
deckte ein feiner stahlblauer Panzer, auf dem spielte die Sonne, und
weise Blüten fielen auf sein dichtes langes goldblondes Haar. So
ging er den Kiesweg herunter, die feine schmächtige Gestalt im
enganschließenden smaragdgrünen Wams, die Ärmel von
der Schulter bis zum Ellbogen gepufft, von da an eng bis über die
Knöchel der hübschen Hände. Er ging langsam, zierlich,
die linke Hand spielte mit dem Griff des Dolches; der Hund sprang
neben des Herren Weg im Grase her, von Zeit zu Zeit mit Liebe zu ihm
aufschauend. Jetzt war er kaum mehr so weit, wie ein
fünfjähriges Kind den Ball wirft. »Wird er mich
ansprechen, wenn er herkommt?« In der Wiese spielte das


-10     пред. Страница 1 из 4 след.     +10