Jedermann - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 63


des reichen Mannes
Die deutschen Hausmärchen, pflegt man zu sagen, haben keinen
Verfasser. Sie wurden von Mund zu Mund weitergetragen, bis am Ende
langer Zeiten, als Gefahr war, sie könnten vergessen werden oder
durch Abänderungen und Zutaten ihr wahres Gesicht verlieren, zwei
Männer sie endgültig aufschrieben. Als ein solches
Märchen mag man auch die Geschichte von Jedermanns Ladung vor
Gottes Richterstuhl ansehen. Man hat sie das Mittelalter hindurch an
vielen Orten in vielen Fassungen erzählt; dann erzählte sie
ein Engländer des fünfzehnten Jahrhunderts in der Weise,
daß er die einzelnen Gestalten lebendig auf eine Bühne
treten ließ, jeder die ihr gemäßen Reden in den Mund
legte und so die ganze Erzählung unter die Gestalten aufteilte.
Diesem folgte ein Niederländer, dann gelehrte Deutsche, die sich
der lateinischen oder der griechischen Sprache zu dem gleichen Werk
bedienten. Ihrer einem schrieb Hans Sachs seine Komödie vom
sterbenden reichen Mann nach. Alle diese Aufschreibungen stehen nicht
in jenem Besitz, den man als den lebendigen des deutschen Volkes
bezeichnen kann, sondern sie treiben im toten Wasser des gelehrten
Besitzstandes. Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten
gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in
Bescheidenheit aufzuzeichnen. Vielleicht geschieht es zum letztenmal,
vielleicht muß es später durch den Zugehörigen einer
künftigen Zeit noch einmal geschehen. Hugo von Hofmannsthal.


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