Raoul Richter, 1896 - Hugo von Hofmannsthal - Страница 1 из 11


abends gewahrte ich in der Andrianschen Villa, die sonst verschlossen
war, ein offenes Fenster und sah einen jungen Mann sitzen, der, sich
selber am Klavier begleitend, ohne Noten leidenschaftlich in die
Dämmerung hineinsang. ich erkannte ihn für den gleichen, den
ich tags zuvor hatte im Regensturm mit starken, schnellen Schritten am
See entlanggehen sehen, gleichfalls leidenschaftlich, stoßweise
vor sich hinsingend. Einige Tage später, als ich in einen
bäuerischen Wirtsgarten trat, saßen einige mir Befreundete
an den Tischen; sie winkten mich hinzu; als ich nahe war, erkannte
ich, daß dieser Fremde unter ihnen war, ein Dunkler,
Mittelgroßer, Breitschultriger, der sich erhob, als ich
hinzutrat: es war Richter. Sein Vortreten war lebhaft, der
Händedruck schnell und stark, der Blick sehr schnell und fest auf
mich gerichtet; so auch jedesmal im Gespräch, dazwischen aber vor
sich hin ins Leere oder nach oben mit einem zeitweiligen
Zurückwerfen des Kopfes. Beides, Aufmerksamkeit und
Sichverlieren, völlig scharf geschieden, beides kraftvoll; aus
der einen in die andre Stellung der Körper jäh geworfen,
desgleichen die Drehung des Auges jäh, daß das Weiße
stark aufleuchtete: hier erkannte ich sogleich den im Dunkel
stoßweise vor sich Hinsingenden wieder. Ich fühlte ihn
älter als mich; er wars, wenn auch nur um wenige Jahre, die aber
in der ersten Hälfte der Zwanziger bedeutend sind. Seine
Aufmerksamkeit war mir wohltuend, etwas Festes, Bestimmtes an ihm zog


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